Tom Cunningham live, pur und
uneingestöpselt
14/07 2005:
Handmade-Music der Extraklasse: eine "perfect Mischung" aus
Berlin und "Music City" Nashville
im Herr Lehmann - Die Kneipe am 08.07.2005
und Dicker Engel am 09.07.2005, Bremen

Freitag war ein guter Tag. Am letzten Freitag startete der Wahl-Berliner
Tom Cunningham aus Nashville seine Mini-Club-Tour durch Bremen, bekanntlich
die Stadt der Stadtmusikanten. Cunningham`s erstes Ziel zum "Dachwegrocken"
war letztes Wochenende "Herr Lehmann - Die Kneipe" im schönen
Bremer Hulsberg-Viertel, welches langsam aber sicher endlich wieder
zu einem kulturell wertvollen Fleckchen Stadtgeschichte empor steigt.
Der Betreiber des "Herr Lehmann - Die Kneipe" hat erst Ende
Juni die gemütliche kleine Bühne im Bauch der Kneipe eingeweiht.
Es bleibt zu hoffen, dass dort jetzt regelmäßig - am liebsten
täglich - ein Live-Act zu genießen sein wird. Die Bremer
und "Umzuer" sind jedenfalls dafür bekannt, dass sie
auf pure Gemütlichkeit und handgemachte Musik abfahren ...

Tom Cunningham, der erst im Februar sein neues Album "A Beautiful
Lie" auf den Markt gebracht hat, legte schon mit der ersten Nummer,
die er im Gepäck hatte, richtig einen vor. "Are We There Yet"
handelt von dér Kinder-Nerv-Frage schlechthin: "Papa, wann
sind wir endlich da?". Jetzt zur Urlaubszeit sicherlich ein kleiner
Denkanstoß. Eine prächtige Nummer, so richtig aus uns aller
Leben geschrieben. Dass auch ein Tom Cunningham, der regelmäßig
zwischen Berlin und Nashville hin und her pendelt, um sich musikalisch
reich beeinflussen zu lassen, auf Gemütlichkeit voll abfährt,
schildert er auf seine unnachahmlich sympathische Art in dem Song "Kleine
Welt". Hier besingt er Dinge, die er in Amerika vermisst: Stammkneipen,
frisch gebackene Brötchen und Nachbarschaftlichkeiten in einem
Berliner Haus mit kleinem Hinterhofgarten, Momente, in denen noch jeder
jeden kennt. Relativ neu ist "Frank Sinatra`s Hut", Tom`s
all time favourite Medizin gegen Liebeskummer. Eine groovige Nummer
mit wundervoller Gitarrenummantelung, die so richtig warm ins Blut strömt.
Eine Hommage an den großen Frank, den Meister der Meister. Wow!
Egal,
ob Cunningham eine herzzerreißende Ballade anstimmt oder einen
rough mix: er nimmt jeden mit, fängt jeden Stimmungsmoment ein
und verarbeitet ihn gleich weiter, Tom gibt alles, alles von sich selbst
und lässt seine Zuhörer, oder besser: seine Lauscher ganz
tief auf den Grund seines Herzens blicken, dort wahrscheinlich oftmals
sich selbst wieder finden. Gänsehaut. Tom Cunningham weiß,
wie man das Publikum verzaubert, verzückt und belustigt zwischen
den Songs immer wieder mit netten Anekdoten aus seinem Leben oder zu
den Entstehungen der einzelnen Songs. Tom ist es enorm wichtig, dass
die Leute seine Texte auch verstehen, dass man ihn übersetzt, begreift,
nachvollziehen kann. Wenn man sich im "Herr Lehmann - Die Kneipe"
einmal umsah, ist ihm dieses sehr sicher gelungen. Das Publikum war
mucksmäuschen still, lauschte, dachte nach, ging mit. Welch ein
Respekt, von beiden Seiten, selbstverständlich. Ein musikalisches
Geben und Nehmen der Extraklasse mit Seltenheitsfaktor.
Für mich neu war die Nummer "Me Again",
die mir seit Freitag Abend so gar nicht mehr aus dem Kopf raus will.
Kaum sitzt man am Steuer und fährt raus auf die Landstraße,
hämmert "Me Again" wieder durch den Kopf, ich summe den
Song vor mich hin. Zeit für ein neues Album, damit ich singen lassen
darf :-) Interessant und nicht weniger bluesig oder soulig oder Rock`n`Roll-trächtig
waren einige große deutschsprachige Knaller wie "Susie"
oder "Nun fängt das wieder an". Auf Platte haben diese
Songs unbestreitbar eine leichte Schlager-Linie, aber live gehen sie
nur ab, das Publikum wippte, schnipste und sang mit. Cunningham ist
sehr partytauglich. Eine Dame im Publikum merkte an: "Ich habe
ein viertel Jahrhundert keine Live-Musik mehr gehört oder gesehen.
Mir fehlen zwar die Vergleichsmöglichkeiten, aber ich habe so das
Gefühl, nach einem Abend T. C. sind die auch absolut überflüssig."
Es war mal wieder deutlich, nimmt Mister Cunningham eine Gitarre in
die Hand, brennt die Luft, dann wird es heiß im Saal, dann geht
da was, dann ist das Leben Musik, auch dauert dieser Augenblick meistens
nur 2 x 60 Minuten. Sein virtuoses Spiel sucht seine Nachahmer. Wie
passioniert er ist, sagt eigentlich die Äußerung eines Kollegen,
der zusammen mit ihm bei seinem Projekt "Songwriters In The Round"
spielte: "Tom schaute mir einfach auf die Finger als ich Gitarre
spielte, er kannte mein Lied gar nicht, schaute noch einmal hin, spielte
einfach drauf los und fügte sein Spiel ein. Unglaublich."
Ja, das ist er, keine Frage.
Grund
für diese kleine Club-Tour war die alljährliche Hagelberger
Street-Aktion, die der Wahlbremer Norbert Block, seit 31 Jahren (!)
Hagelberger-Liebhaber, regelmäßig organisiert, um die Geschichte
über und um die Berliner Hagelberger Straße-Musiker-WG aus
den 70ern am Leben zu halten und immer wieder aufzufrischen. Nach und
nach kommen ehemalige Mitglieder dieser Wohngemeinschaft in Bremen auf
ein, zwei Gigs vorbei. Eine wunderbare Tradition, für die man Norbert
nur herzlichst danken kann. Diese Saison hat Wayne Grajeda den Anfang
gemacht, Cunningham folgte.
Nachdem Tom Cunningham zwei Stunden auf den Planken stand
und zusammen mit seiner alten Martin richtig Gas gegeben hat, verabschiedete
er sich mit zwei Zugaben im "Herr Lehmann - Die Kneipe": "Born
in the U.S.A.", im Original von The Boss Bruce Springsteen, spielte
Tom im Stehen. Sit Down-Rock`n`Roll geht eben gar nicht. Sein Cover
war eine spannende Bereicherung für jeden Rock`n`Roll-Liebhaber,
erkennbar, aber mit frischen Elementen aufgeppt und vor allem leidenschaftlicher
interpretiert als es The Boss selbst zu tun pflegt. „Spanish“
handelte von einer amerikanischen Freundin von Tom, die nach ein paar
Tequilas zuviel „im Tank“ immer mal wieder gern auf den
Tischen tanzt und plötzlich Spanisch spricht … Auf den Tischen
tanzte im „Herr Lehmann - Die Kneipe“ niemand, aber:
Hut
ab, raus mit den Blumen! Herr Cunningham, Du musst schnell wiederkommen!
Spätestens jetzt wird es sich wie ein Lauffeuer verbreiten, was
im Hulsberg-Viertel geht, wenn man es einfach mal auf die Beine stellt.
Am Samstag trat Tom Cunningham noch im Findorffer "Dicker
Engel" auf, das Set war leicht verändert, aber an sich ähnliches
Programm. Bemerkenswert ist allerdings, dass er hier, seit vielen Jahren
zum ersten Mal wieder, "Somebody else" von seinem 1996er Album
"What if... ?" spielte. Nachdem das Tresenpersonal erstmal
zum Schweigen gebracht war, war dieser Song wie warmer Sommerregen auf
der Haut. Stimme, Gitarrenbegleitung und Text waren eine Einheit, alles
verschmolz und passte wie ein handgemachter, italienischer Schuh.
Mein persönliches Fazit dieses Wochenendes "Cunningham
satt": Das sind so diese wenigen Abende, an denen ich sehr sicher
weiß, dass ich einen der schönsten Jobs der Welt machen darf.
Bericht © by Tina Hahn, suikerheksie@yahoo.de,
13.07.2005
Fotos © by Mario Koss